Im dritten Lehrjahr meiner Erstausbildung zum Automechaniker hatten wir dienstags Gewerbeschule. Am Nachmittag stand immer «Allgemeinbildung» auf dem Stundenplan – nicht unbedingt jedermanns liebstes Fach. Eigentlich wollten wir mehr über Fahrzeuge und Technik lernen – sofern wir überhaupt etwas wissen wollten. Unser Lehrer war deutlich über 50, trug immer ausgewaschene Jeans, blaue Hemden und ausnahmslos das gleiche braune Jackett. Eines Tages begrüsste er uns nicht zum Unterrichtsstart, sondern projizierte nur ein Bild an die Leinwand. Es zeigte einen Unfallwagen. Das Wrack war vermutlich früher mal ein schnittiges Einsteigerauto, so wie es viele junge Lenker fahren: Klein, getunte Scheiben, Alufelgen – im Kern aber alt und günstig. Nach einem schweren Unfall war davon nicht mehr viel übrig. Der Lehrer zeigte uns nur das Bild und sagte nichts. Und so kamen die ersten Kommentare: «Schöne Felgen.» (Hinten links war ein Rad nahezu unbeschädigt.) «Mit Ford ins Glück und mit dem Taxi zurück – oder mit dem Krankenwagen.» «Da freut sich der Schrotthändler.» Weiter ging es mit Sprüchen wie: «Ein Möchtegern-Rennfahrer weniger.» und «Da gab es wohl nichts mehr zu retten.» Ich schwieg, weil ich spürte, dass uns das Bild nicht ohne Grund gezeigt worden war. Nach einigen Minuten ergriff der Lehrer das Wort und sagte: «Auf dem Sitz hinten links sass mein Sohn. Er hat als einziger der fünf Insassen den Unfall überlebt.“ Und plötzlich war es still im Schulzimmer.
Ganz ehrlich: Ich lache gerne, am liebsten zusammen mit anderen, auch über Leute – aber ich gebe mir Mühe, nie jemanden auszulachen. Auslachen ist kein Spass, das ist respektlos. Ich liebe Klartext und direkte Worte auf den Punkt – aber fies oder ungerecht ist ein No-Go. Worte sind mächtig – sie können verletzen und grossen Schaden anrichten. Was manche witzig finden, verletzt andere. Und gerade heute gibt es immer mehr (junge) Menschen, die sich nicht gut wehren können – mit und ohne Worte. Warum? Im Netz ist es einfach, seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, indem man Nachrichten tippt oder anonym böse Texte schreibt. Aber sich hinzustellen, seinem Gegenüber ehrlich und offen in die Augen zu schauen und direkt zu sagen, was einen stört, das ist schwer. Das trauen sich viele nicht. Das Ergebnis: Ein rauhes Klima, das Menschen belastet – in der Schule, im Job, im Alltag.
Worauf will ich hinaus? Respektlosigkeit darf nicht zur Normalität werden. Wir brauchen klare Grenzen, Fairness und den Mut, Worte verantwortungsvoll zu nutzen. Lass uns deshalb wichtige Dinge persönlich besprechen, auf Augenhöhe – und weniger mailen und whatsappen. Lass uns mehr lesen und weniger kommentieren. Lass uns mehr informieren und weniger undifferenziert plappern. Und lass uns mehr auf die kommunikativ Schwächeren eingehen. Denn Respekt zeigt sich vor allem in Gesprächen, nicht nur in schnellen Nachrichten oder Kommentaren.
Respektvolle Grüsse
Martin Aue