Die Prostitutionsskala – Wie stark verkaufst du deine Seele im Berufsleben?

Wofür arbeitest du? Zum Spass oder für Geld? Ergibt deine tägliche Arbeit Sinn und gibt sie dir Kraft? Mit diesen Fragen kannst du herausfinden, wie stark du dich in deinem Beruf «prostituierst». Was ist damit gemeint? Wenn du beispielsweise total ungern zur Arbeit gehst und eigentlich lieber etwas ganz anderes machen würdest, ist das doof. Was hält dich denn davon ab, das andere zu tun? Möglichweise ist es dein Verdienst.

Und wie sieht es mit Aufträgen von Kunden aus?
Wie viele – Aufträge und Kunden – machen keinen Spass, ergeben keinen Sinn und geben keine Kraft? Lass uns hier unterscheiden: Wenn du irgendwo angestellt bist, hast du möglichweise keine Wahl, mit welchen Kunden du zusammenarbeiten willst. Aber du kannst trotzdem frei wählen, ob du kündigst oder nicht.

Als Unternehmer oder Führungsperson hast du die Wahl. Viele Menschen haben sich sogar aus diesem Grund so eine Position ausgesucht. Damit sie mehr selbst entscheiden können. Aber was bedeutet hier «entscheiden»? Das Wort steht im wahrsten Sinne des Wortes in Zusammenhang mit dem Wort «Scheide» eines Schwertes – also die Ummantelung, die dich davor schützt, dich daran zu verletzen. Um dich also zu «ent­scheiden», ziehst du dein Schwert aus der Scheide und schneidest mit der scharfen Klinge etwas entzwei. Du entscheidest dich also dafür, etwas zu tun und etwas anderes nicht zu tun. Bei einem Kundenauftrag entscheidest du dich zum Beispiel dafür, ihn nicht anzunehmen und auf eine Zusammenarbeit zu warten, die besser passt. Nehmen wir aber an, du hast hohe Fixkosten und auch die letzten Monate liefen nicht gerade rosig. Die Löhne deiner Mitarbeitenden, die Miete, die Versicherungen, die Fahrzeuge und vieles mehr haben schon kräftig an deinen Reserven gezehrt. Oder du hast Existenzängste. Wie stark beeinflussen dich diese Faktoren bei der Entscheidung, den Kundenauftrag anzunehmen oder nicht? Möglicherweise hast du unter Druck eine grössere Bereitschaft, Kunden und Aufträge anzunehmen, die weniger gut zu dir passen. Oder, auf den Punkt gebracht, du bist mehr bereit, dich zu «prostituieren». Du lässt mehr mit dir verhandeln, gehst mit dem Preis runter, lässt dir kurze Lieferzeiten aufdrücken, machst einen Pauschalpreis und verrechnest nicht nach Aufwand, du verhandelst weniger hart und redest weniger offen Klartext, um nicht zu riskieren, den Auftrag nicht zu erhalten. Viele Kunden spüren das. Sie schauen, wie weit sie gehen können. Das braucht nicht einmal böse gemeint sein. Es ist normal, dass jeder das Maximum für sich selber rausholen will. So ist es möglich, dass deine Kunden mit dir verhandeln, wenn sie merken, dass du den Auftrag brauchst.

Und wie ist es im Angestelltenverhältnis? Wie gross ist deine Abhängigkeit – von der Stelle und vom Lohn? Können dein Chef und deine Arbeitskollegen mit dir umgehen, wie sie wollen? Lässt du dir alles bieten? Oder, genau genommen: Hast du das Gefühl, dir alles bieten zu lassen? Weil du den Job und das Geld brauchst? Dann «prostituierst» du dich. Natürlich kann es auch ein Weg sein, auf der Arbeit einfach «Dienst nach Vorschrift» zu machen, Lohn dafür zu erhalten und sich auf Freizeit, Hobbies und Familie zu konzentrieren. Aber wirklich zufriedenstellend kann das nicht sein.

Kompromisse sind o.k. – aber nicht zu viele
Wer bereit ist, Kompromisse einzugehen, hat ein einfacheres Leben. Das mag stimmen, wenn du ab und zu bereit bist, einen Mittelweg zu finden – im Austausch mit anderen. Mit dir selbst sind Kompromisse meistens suboptimal. Wenn du beispielsweise im Kundenkontakt viele Kompromisse machst, verwässert sich die Zusammenarbeit. Du entfernst dich von deiner Kernkompetenz und bist gezwungen, schneller und günstiger zu arbeiten. Zu diesem Zweck arbeitest du gegebenenfalls nur mit den zweitbesten Partnern zusammen und verbaust nicht die Komponenten mit der bestmöglichen Qualität. Du weisst: «Eigentlich könnte ich das besser». Aber es ist halt ein Kompromiss. Was bedeutet das für dich? Du passt dich an, bist weniger authentisch und triffst deine Entscheidungen nicht auf der Basis deiner Werte und Prioritäten. Und was bedeutet das für deinen Kunden? Er kauft nur die zweitbeste Lösung von dir – unter Umständen zu einer schlechteren Qualität als möglich.

Es gibt mehr als schwarz und weiss
Wie so oft im Leben gibt es bei der Frage, ob du dich «prostituierst», nicht nur die Antworten ja oder nein. Nehmen wir an, du bearbeitest eine Vielzahl von Kundenanfragen pro Monat oder Jahr. Wirst du dich immer gleich fühlen, immer die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden und immer gleich entscheiden? Vermutlich nicht. Im Extremfall wirst du dich am Vormittag extrem für einen Auftrag verbiegen und am Nachmittag – im Wissen, dass du den Umsatz am Morgen geholt hast – leichter nein sagen, wenn es nicht passt. Sicher ist: Ganz ohne Prostitution geht es im Geschäftsleben nicht. Die meisten Eltern würden beispielsweise lieber Zeit mit ihren Kindern verbringen als zu arbeiten. Viele würden gerne nur Urlaub machen und die Welt bereisen – oder ihren Hobbies nachgehen. Jeder bewegt sich im Geschäftsleben auf der Prostitutionsskala – die Frage ist nur, auf welcher Stufe. Aber wer kann das beurteilen? Nur du selbst. Aber wie? Stelle dir bei jedem Auftrag, jedem Kunden und auch vor dem Stellenantritt folgende Fragen: Macht es mir Spass? Gibt es mir Kraft? Ergibt es Sinn, was ich tue? Gibt es viel Geld? Vielleicht hilft dir auch die Grafik «Die Prostitutionsskala – Wie stark verkaufst du deine Seele im Berufsleben?». Du kannst sie dir auch auf der Webseite www.martin­aue.com herunterladen und ausdrucken. Und ist es auch o.k., sich mal kurzfristig mehr zu «prostituieren»? Ja, wenn es sich für dich gut anfühlt – und wenn du dich bewusst dafür entscheidest.

Geld ist nicht alles
Eine interessante Frage ist: Würdest du deine Arbeit auch dann machen, wenn du kein Geld dafür erhalten würdest? Der Idealfall wäre, dass du grundsätzlich gerne arbeitest. Du machst etwas Sinnvolles und bist mit tollen Menschen zusammen. Das Geld ist nicht dein Antrieb, sondern der Bonus. Oder auf den Punkt gebracht: Geld ist das natürliche Abfallprodukt von Erfolg. Wenn du ein Experte in deinem Bereich bist, Mehrwert bietest und die Probleme von Menschen löst, fällt Geld nebenher ab.

Aber wie ist es mit deinem Unternehmen und deinen Produkten? Ist dort nicht der Umsatz relevant? Du kannst es so sehen: Deine Angebote sind Werkzeuge, um die Welt etwas besser zu machen. Wie geeignet ist der Umsatz als konkretes Ziel im Geschäft? Hier ist die Antwort: Der Umsatz ist kein Ziel, sondern ein Resultat. Lass uns doch eine kleine Metapher zur Hilfe nehmen: Du sitzt in einem kalten Raum und frierst. An der Wand hängt ein Thermometer und dieses zeigt 12 °C an. Die Temperatur im Raum und die Anzeige auf dem Thermometer entsprechen dem Umsatz, welcher eine Firma erzielt. Er ist zu tief. Zurück zur frierenden Person: Du nimmst also das Thermometer von der Wand, reibst es kräftig in deinen Händen und nimmst es unter den Pulli. Die Anzeige auf dem Thermometer wird steigen, nicht aber die Raumtemperatur. Genauso verhält es sich beim Umsatz. Der Umsatz entspricht in diesem Beispiel der Temperatur im Raum. Und diese siehst du auf der Anzeige des Thermometers. Es gibt Möglichkeiten, dessen Anzeige künstlich und kurzfristig nach oben zu bringen. Zum Beispiel indem du unter deinen Selbstkosten verkaufst, deine Kunden übertölpelst oder eine «krumme Sache» drehst. Langfristig gibt es aber nur ein Mittel, den Raum wärmer zu kriegen: Du drehst den Regler der Heizung hoch. In der Geschäftswelt ist dieser Regler der Nutzen. Der Nutzen, welcher eine Unternehmung seinen Kunden und der Allgemeinheit bringt. Auf den Punkt gebracht: Umsatz ist nur ein Gradmesser des Werts, welchen du dieser Welt hinzufügst.

Sich übertrieben profilieren
Wer bewusst höhere Preise verlangt als seine Angebote wert sind, «prostituiert» sich auf eine ungesunde Art und Weise. Seine Kunden abzuzocken, kann nie langfristig aufgehen, auch wenn es die Kunden gar nicht merken. Genau gleich ist es, wenn dein Auftritt gegen aussen mehr Schein als Sein ist. Es ist in Ordnung, sich selber im besten Licht darzustellen. Viel wichtiger ist aber deine Authentizität. Konkret: Zeige dich so, wie du bist. Biete nur das an, was du kannst. Versprich nur das, was du halten kannst. Das wirkt sich langfristig positiv aus – auf dich, deinen Umsatz und auch auf deine Kunden. Und ja: Auch hier gibt es schlaue Worte aus dem Fachjargon: Wenn sich in Bezug auf dein Unternehmen, deine Person oder deine Angebote eine Glaubwürdigkeitslücke – also der Unterschied zwischen der Marketing­Scheinwelt und der Realität – auftut und der Kunde es merkt, wird er sauer. Meiner Meinung nach zu Recht.

Fremdbestimmung versus Selbstbestimmung
Viele Selbstständige und Unternehmer haben ihren Job gewählt, um selbstbestimmter Leben zu können. Viele Geschäftsleute möchten aus diesem Grund CEO sein – bis sie vielleicht merken, dass der Job als CEO ganz und gar kein Freipass zur Selbstbestimmung ist. Warum nicht? Viele Geschäftsleiter finden sich in einer Sandwichposition zwischen Verwaltungsrat und Kadermitarbeitenden wieder. Und auch deshalb sind sie ganz und gar nicht frei. In unserer heutigen Zeit, in der die Anforderungen an uns stetig wachsen, ist es leicht, sich in den endlosen To­do­Listen und täglichen Abläufen zu verlieren. Und so geht es auch vielen im eigenen Unternehmen. Mit immer mehr Aufträgen, Kunden, Mitarbeitenden und Lieferanten nimmt die Selbstbestimmung nach und nach ab. Bei vielen ist die zunehmende Fremdbestimmung ein schleichender Prozess. Bei der Selbstbestimmung geht es darum, die Zügel (wieder) fest in der Hand zu halten und bewusst Entscheidungen zu treffen, die dich deinen persönlichen und beruflichen Zielen näherbringen. Wer selbstbestimmt lebt und arbeitet, hat die Fähigkeit, sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen und Werten zu gestalten, statt von äusseren Umständen oder den Erwartungen anderer getrieben zu werden. Der Schlüssel zu einem selbstbestimmten (Berufs­)Leben ist die Bewusstheit.

Schaue also bewusst hin und nimm dir die Zeit zur Selbstreflexion. Mit der Prostitutionsskala hast du ein gutes Werkzeug dafür.
Die nebenstehende Grafik kannst du herunterladen auf: www.martin-aue.com/mehr/download/

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