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Gedanken zu den Magglingen-Protokollen

Allgemein

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Unsere Tochter Layla turnt – jede Woche 20 Stunden. Weil sie es will. Die Frage ist nur, ob ich es auch (noch) will. Ich kann mich noch erinnern, wie das Thema Kunstturnen bei ihr begann. Seit sie ein ganz kleines Mädchen war, wollte sie immer reiten. Nach den ersten Reitstunden war ihr der Sport mit Pferden aber zu locker. Sie wollte nicht striegeln, satteln und misten – sie wollte nur reiten und immer besser darin werden. Und sie liebt Pferde. Bis heute. Weil aber das Reittraining zu langweilig war, hörte sie damit auf und versuchte sich mit Geräteturnen. Aber auch Geräteturnen war ihr zu locker, wie sie es ausdrückte. Sie wurde ihrer Meinung nach zu wenig gefordert. Also sagt man ihr: Geh ins Kunstturnen. Gesagt – getan. Und plötzlich kam sie glücklich nach einem Training nach Hause. Im Training sah sie fröhlich aus. Und alle Vereinsfreundinnen und Trainer haben sie «geschätzelet». Sie wurde umarmt und gelobt. Aber ich glaube nicht, dass sie sich wegen den Menschen in diesen Sport verliebt hat. Sie hatte einfach riesigen Spass daran, die Turnübungen zu lernen und besser zu werden. Ich sehe es noch vor mir, als der Trainer die Mädchen an der Sprossenwand 20 «Beine-hoch» machen liess. Layla ging nach der Aufgabe zum Trainer und fragte, ob sie nochmals 20 machen dürfe. Schlussendlich machte sie 65 davon. Und so ging es eigentlich mit jeder Kraftübung. Vielleicht bin ich selber mitschuldig daran mit Aussagen wie: «Welche von zehn Liegestützen trainiert am meisten? Die elfte.» Wir Eltern – by the way – haben beide null Sportaffinität und auch keine sportlichen Erfolge vorzuweisen. Und wir leben in diesem Bereich auch kein Leistungsbewusstsein vor. Ich musste mich zu Beginn erst einmal schlau machen, was Kunstturnen überhaupt ist. Gleich wie mit der Anzahl Übungen war es mit den Trainingseinheiten: Zuerst drei Mal die Woche, dann vier, dann fünf. Jetzt mit 9 Jahren wird Layla sechs Mal pro Woche 50km nach Bern ins regionale Leistungszentrum gefahren. Am Mittwoch trainiert sie sogar zwei Einheiten. Und wir haben unser ganzes Familienleben um den Leistungssport herum organisiert. Hätte das Training im Verein aus purem Spass nicht gereicht? Nein. Erstens sahen ihrer Trainer offenbar ihr Potenzial – wir konnten nie etwas Auffälliges feststellen. Und zweitens sagte Layla an ihrem sechsten Geburtstag auf die Frage von ihrer Grossmutter, was sie später einmal werden wolle aus dem Nichts heraus: Weltmeisterin am Stufenbarren. Und dieser Weg – dessen war sie sich schnell selber bewusst – führt über das RLZ in Bern. Ob ich ihr diesen Weg überhaupt erlauben soll, war eine schwierige Frage für mich. In Gesprächen habe ich Kunstturnen oft mit Boxen oder MMA vergleichen – anderen Sportarten, zu denen körperliche Schäden meiner Meinung nach dazugehören. Zudem habe ich oft von psychischem und körperlichem Missbrauch von Athleten durch ihre Trainer gehört. Aber will ich mir später einmal sagen lassen, dass ich meinem Kind eine Chance verbaut und ihr ihren Herzenssport verboten habe? Nein. Also habe ich grünes Licht für das RLZ gegeben – auch im Wissen, dass die Chance, dass Layla nach Magglingen kommt, klein ist. Der Wechsel vom Verein ins RLZ war schwierig: Neue Trainingskolleginnen, neue Trainer. Mehr Leistungsfokus. Und ein kälteres Klima. Keine Umarmungen mehr beim Hallo- und Tschüss-Sagen. Und auch ab und zu mal einen Zusammenschiss. Layla sagte auf Nachfragen, ob es ihr Spass mache, knapp Ja. «Da muss ich halt durch, wenn ich nach Magglingen will – sonst kann ich nicht Weltmeisterin werden.» Auch der Umgang mit uns Eltern war anders: Plötzlich war das Zuschauen in der Halle nicht mehr erwünscht und per Umgang wurde spürbar unpersönlicher. Ich dachte mir zuerst: Das ist wohl normal. Es gibt viele Eltern, die unbedingt wollen, dass ihr Kind Leistungssport betreibt. Und um das zu ermöglichen, werden viele Karten gespielt. Deshalb kann es gut sein – so meine Überlegung – dass die Trainer nicht zu viel Beziehung mit den Eltern aufbauen. Nur: Elterngespräche und den Austausch mit Pädagogen kennen wir von der Schule. Es ist nicht so, dass uns diese restlos begeistern. Aber dort fühlen wir uns persönlich angesprochen, involviert und ernst genommen. Das ist der Mindeststandart, welchen ich vom Umgang mit dem Trainer auch erwarte. Und nun lese ich «Das Magazin: Die Magglingen-Protokolle» und stelle fest: Alle meine Bedenken, die mich zum Zeitpunkt des Wechsels vom Verein zum RLZ, vom Hobby- zum Leistungssport beschäftigt haben, scheinen sich zu bewahrheiten. Die Sportler werden eingeschüchtert, gedemütigt und gequält. Was mich schockiert: Wir sind mitten drin – oder mindestens auf dem Weg dazu. Meine Tochter hat mit neun Jahren mehr Physio- und Sportmassagepraxen von innen gesehen als ich mit über 40 Jahren. Wünsche von Eltern, ein Training aus der Nähe mitzuverfolgen werden nicht erlaubt. Und so weiter. Was soll ich Ihrer Meinung nach nun tun? Meine Tochter möchte Kunstturnen und Weltmeisterin werden. Die Frage ist nur, ob ich es auch (noch) will.

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